4. Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung im Spiegel lokaler Unterschiede

4.1 Das Volumen der Hilfen zur Erziehung im lokalen Vergleich

Für einen Vergleich der Hilfen zur Erziehung auf der Ebene der Zuständigkeitsbereiche lokaler Jugendämter wird die Gesamtzahl der im Jahr 2016 beendeten und am 31.12.2016 laufenden Hilfen in einem Jugendamtsbezirk – ohne Eingliederungshilfen und ohne Erziehungsberatung – ins Verhältnis zur unter 21-jährigen Bevölkerung gesetzt. Die Inanspruchnahmequoten in den einzelnen Jugendamtsbezirken variieren zwischen einem Minimalwert von 72 Hilfen pro 10.000 der unter 21-Jährigen bis zu einem Maximum von 924. Würden im Zuständigkeitsbereich des Jugendamtes mit der höchsten Quote genauso viele junge Menschen leben wie im Jugendamtsbezirk mit der niedrigsten Quote, würden dort also fast 13-mal so viele Hilfen zur Erziehung gewährt. 

Solch große Unterschiede dürften kaum dadurch zu erklären sein, dass der erzieherische Bedarf in einem Ort um das 13-fache höher ist als in einem anderen. Auch handelt es sich bei den höchsten Inanspruchnahmequoten um Einzelfälle. Da die Gründe für diese Angaben hier nicht herausgearbeitet werden können1 und um Verzerrungen durch ungewöhnlich hohe oder niedrige Werte zu vermeiden, werden zusätzlich Differenzen berechnet, wenn sowohl die 20 Kommunen mit den höchsten Inanspruchnahmequoten als auch die 20 mit den geringsten Werten herausgefiltert werden. Die Werte bewegen sich dann zwischen 153 und 610 Punkten, also Hilfen pro 10.000 unter 21-Jährigen. Das bedeutet, dass selbst unter Ausschluss der jeweils „extremsten“ Jugendämter die Kommune mit den höchsten Werten immer noch viermal so viele Hilfen zur Erziehung gewährt wie die Kommune mit der niedrigsten Inanspruchnahmequote. 

Wie in Tabelle 4.1 dargestellt, sind die Inanspruchnahmequoten jedoch sehr ungleich verteilt. Teilt man die Jugendamtsbezirke in 5 Gruppen auf2, ist erkennbar, dass genau die Hälfte der Jugendämter (50%) über Inanspruchnahmequoten zwischen 230 und 390 Punkten verfügt. Bei insgesamt 29% der Jugendämter sind es 390 und mehr Punkte, wobei sie sich über einen sehr breiten Wertebereich verteilen.  

Der Variationskoeffizient, der eine Maßzahl für Unterschiedlichkeit darstellt, ermöglicht einen Vergleich auch über verschiedene Datenbestände hinweg. Im Vergleich zum Variationskoeffizienten der Datenbasis 2015 zeigt sich keine nennenswerte Veränderung der Unterschiedlichkeit.

Tab 4.1: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige, ohne Erziehungsberatung) nach Inanspruchnahmeklassen (Jugendamtsbezirke; 2016; Aufsummierung der zum 31.12. des Jahres andauernden und der innerhalb des Jahres beendeten Hilfen)

Inanspruchnahme zwischen … und … Punkten Anzahl der Kommunen Verteilung der Anzahl in % Median Arithmetisches Mittel Variations­koeffizient
Unter 230 120 21% 197 188 0,18
230 bis unter 390 280 50% 294 302 0,15
390 bis unter 550 122 22% 449 458 0,11
550 bis unter 710 31 6% 607 610 0,06
710 und mehr 6 1% 855 853 0,06
Insgesamt 559 100% 307 335 0,40

Methodischer Hinweis: Abhängige Variable ist die Inanspruchnahme von Leistungen der Hilfen zur Erziehung pro 10.000 der unter 21-Jährigen auf der Basis der Summe aus am 31.12. andauernden und beendeten Leistungen pro Jugendamtsbezirk.

Lesebeispiel: In Deutschland wird für 120 Jugendämter eine Inanspruchnahme von unter 230 Hilfen pro 10.000 der unter 21-Jährigen ausgewiesen (230 Inanspruchnahmepunkte). Das sind 21% der Jugendämter. Der Medianwert liegt für diese Gruppe bei 197 Inanspruchnahmepunkten, das arithmetische Mittel bei 188 Inanspruchnahmepunkten.
Quelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder; Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik.

Die Einteilung der Kommunen in Klassen und damit in „Farben“ auf der Karte wird in jedem Jahr auf Basis der aktuellen Daten neu berechnet, daher ist die Karte (vgl. Abb. 4.1) nicht direkt mit der der Vorjahre vergleichbar. Zu beachten ist außerdem, dass diese Form der Datendarstellung solche Kreise besonders betont, die über eine große Fläche verfügen – häufig leben jedoch gerade in Kreisen mit großer Grundfläche verhältnismäßig wenige junge Menschen, sodass der optische Eindruck nicht der absoluten Hilfezahl entspricht. 

Die Karte verdeutlicht, dass die Jugendamtsbezirke mit den höchsten Inanspruchnahmequoten im Norden, insbesondere im Nordosten Deutschlands liegen. Auch im Westen, etwa in den Ballungsräumen Nordrhein-Westfalens sind häufiger überdurchschnittliche Inanspruchnahmequoten zu verzeichnen. Häufig, aber nicht durchgehend, verzeichnen Städte mit eigenem Jugendamt, die anhand ihrer kleineren Grundfläche auf der Karte von Flächenkreisen unterscheidbar sind, höhere Inanspruchnahmequoten als umliegende Kreise.

Abb 4.1: Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige, ohne Erziehungsberatung) nach Jugendamtsbezirken (Deutschland; 2016; Aufsummierung der zum 31.12. des Jahres andauernden und der innerhalb des Jahres beendeten Hilfen; Angaben pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder; Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik
Literatur:

[AKJStat] Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (2017): Empirische Befunde zur Kinder- und Jugendhilfe. Analysen zum Leitthema des 16. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages 2017. Dortmund. Online verfügbar unter: akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/Analysen/Jugendhilfe_insgesamt/AKJStat_-_Empirische_Befunde_DJHT_2017.pdf (Zugriff: 09.08.2017).

  • Vgl. AKJStat 2017, S. 39-43
  • Zur Methodik der Aufteilung siehe Infokasten in Kap. 4.4.