3. Lebenslagen der Adressat(inn)en von Hilfen zur Erziehung

3.3 Migrationshintergrund

Die Begleitung und Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund werden als Herausforderung für die Einrichtungen der Sozialen Arbeit diskutiert. Fragen des sozialpädagogischen Handelns, der interkulturellen Kompetenzen oder auch der Öffnung von Einrichtungen sind hier zentral.1 Entsprechende Aufgabenstellungen gelten auch für die Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe im Allgemeinen und der Hilfen zur Erziehung im Besonderen. In letzter Zeit hat das Thema Migration durch unbegleitete ausländische Minderjährige (UMA), die als Adressat(inn)en der Hilfen zu Erziehung vor allem mit Blick auf die Heimerziehung verstärkt in den Fokus getreten sind2, die Fachdiskussion mitbestimmt.

Wirft man einen genauen Blick auf die Daten, haben etwa 45% der jungen Menschen, die 2016 eine vom ASD organisierte erzieherische Hilfe begonnen haben, mindestens ein Elternteil mit ausländischer Herkunft (vgl. Abb. 3.3) und damit deutlich mehr als bei der Erziehungsberatung. Differenziert nach Herkunft und Sprache fällt der Anteil derjenigen, die noch zusätzlich zu Hause nicht die deutsche Sprache sprechen, in den erzieherischen Hilfen (30%) höher aus als bei der Erziehungsberatung (9%). Dieser Anteil ist gegenüber 2015 mit einem Plus von 8 Prozentpunkten deutlich angestiegen.

Bei einem differenzierten Blick auf das Leistungsspektrum zeigen sich hilfeartspezifische Unterschiede. Die Spannweite des Anteils von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, ist in den einzelnen Hilfen wesentlich höher als bei denen, die hauptsächlich die deutsche Sprache in der Familie benutzen. Bei der zweiten Gruppe bewegt sich der Anteil zwischen 11% und 20%. Mit Blick auf die erste Gruppe ist der Unterschied gravierender: Auf der einen Seite liegt der Anteil bei der Tagesgruppe bei 13%. Auf der anderen Seite weist unter dieser Perspektive jeder zweite junge Mensch in der Heimerziehung einen Migrationshintergrund auf. Bei letzterer Hilfeart sowie auch bei der Vollzeitpflege zeigen sich auch besonders große Zuwächse im Vergleich zum Vorjahr.3 Der größte Anstieg ist allerdings bei den ISE-Maßnahmen auszumachen. Hier ist der Anteil zwischen 2015 und 2016 um 18 Prozentpunkte gewachsen, so dass auch in dieser ambulanten Hilfeart mittlerweile jeder zweite junge Menschen aus einer Herkunftsfamilie stammt, in der vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird. Hintergrund für diese Entwicklungen ist die gestiegene Zahl junger unbegleiteter ausländischer Minderjähriger (UMA), die im Anschluss an eine Inobhutnahme eine Hilfe zur Erziehung erhalten. Es zeigt sich mittlerweile, dass diese Adressatengruppe auch in anderen Hilfearten, neben der Heimerziehung, an Bedeutung gewonnen hat.4 

Abb. 3.3: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach der Herkunft der Eltern und Hilfearten (Deutschland; 2016; begonnene Hilfen; Anteil in %)1

1) In der Statistik wird auch die Gruppe der jungen Menschen ausgewiesen, die keine ausländische Herkunft haben und zuhause vorrangig nicht die deutsche Sprache sprechen. Diese Gruppe spielt eine marginale Rolle in den Hilfen zur Erziehung, sodass sie hier nicht mitberücksichtigt wird.
* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Unter der länderspezifischen Perspektive deuten sich mit Blick auf die über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisierten erzieherischen Hilfen (jenseits der Erziehungsberatung) deutliche Unterschiede an. Auf der einen Seite reicht der Anteil junger Menschen mit mindestens einem Elternteil ausländischer Herkunft in den Hilfen zur Erziehung in den westdeutschen Bundesländern von 28% in Sachsen-Anhalt bis zu 68% in Hessen (vgl. Tab. 3.3). Auf der anderen Seite ist eine Differenz zwischen dem Anteil der jungen Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung und in den erzieherischen Hilfen in den Bundesländern auszumachen. Zwar sind in allen Bundesländern vor dem Hintergrund der Entwicklung bei den UMA mittlerweile junge Menschen mit Migrationshintergrund in den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) überrepräsentiert. Gleichwohl spiegelt sich hier eine Spannweite von 8 Prozentpunkten im Saarland bis hin zu 25 Prozentpunkten in Baden-Württemberg wider.5 

Bei der Erziehungsberatung wird in den westdeutschen Ländern die niedrigste Quote für die jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Schleswig-Holstein (14%) ausgewiesen. Die höchsten Quoten sind in Hessen (35%) und dem Stadtstaat Hamburg (36%) zu verzeichnen. In Ostdeutschland liegt die Quote mit 7% deutlich darunter.

Tab. 3.3: Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Migrationshintergrund (Herkunft) im Vergleich zum Anteil von Familien mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung (Länder; 2016; begonnene Hilfen; Angaben absolut und in %)

Bundesland  Junge Menschen insgesamt in Erziehungsberatung 2016
(abs.) 
Darunter mit Eltern(teil) ausländischer Herkunft 2016
(in %)
Junge Menschen insgesamt in Hilfen zur Erziehung (ohne § 28 SGB VIII) 2016
(abs.)
Darunter mit Eltern(teil) ausländischer Herkunft 2016
(in %) 
Familien mit Migrationshintergrund mit Kindern unter 18 J. in der Bevölkerung 2016 (in %)
Baden-Württemberg  38.327 32,5 23.154 67,2 42,0
Bayern  40.371 27,5 21.483 57,0 33,3
Berlin  14.982 30,2 7.894 62,2 40,3
Brandenburg  8.918 4,5 7.372 28,7 9,6
Bremen  1.589 31,8 3.491 60,1 46,7
Hamburg  4.365 35,7 8.845 59,4 43,2
Hessen  19.717 34,5 11.329 67,6 43,8
Mecklenburg-Vorpommern  2.966 7,5 4.617 18,7 9,2
Niedersachsen  29.863 17,7 20.686 46,1 28,6
Nordrhein-Westfalen  79.278 29,3 52.421 56,1 39,6
Rheinland-Pfalz  14.310 23,3 11.213 53,2 34,2
Saarland  1.850 17,7 2.811 40,0 32,3
Sachsen  17.213 9,4 8.702 31,7 11,0
Sachsen-Anhalt  7.662 6,1 5.261 27,5 8,2
Schleswig-Holstein  15.835 14,0 7.700 42,8 21,6
Thüringen  8.918 5,7 4.203 31,5 8,3
Westdeutschland (einschl. Berlin)  260487 27,4 163327 57,4 37,0
Ostdeutschland  45.677 7,0 30.155 28,2 9,5
Deutschland  306.164 24,4 201.182 52,5 32,9

Quelle: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik; Statistisches Bundesamt: Ergebnisse des Mikrozensus 2015 – Bevölkerung in Familien/Lebensformen am Hauptwohnsitz (Sonderauswertung zu den einzelnen Bundesländern); Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Betrachtet man zudem den Migrationshintergrund in Kombination mit dem Transferleistungsbezug, deuten sich sowohl bei den Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) als auch bei der Erziehungsberatung Unterschiede zwischen den Familien mit und ohne Migrationshintergrund an. Bei den vom ASD organisierten Hilfen zur Erziehung zeichnen sich 20156 keine Unterschiede zwischen Familien mit Migrationshintergrund ab, die zu Hause Deutsch sprechen, und Familien ohne Migrationshintergrund. Hier liegen die Anteile jeweils bei 59% (vgl. Abb. 3.4). Bei den Familien mit Migrationshintergrund, die zuhause nicht Deutsch sprechen, fällt der Anteil mit 39% deutlich niedriger aus. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den 3 Gruppen zeigt sich bei der Erziehungsberatung, gleichwohl der Anteil der Transferleistungsbeziehenden hier generell deutlich geringer ist als bei den vom ASD organisierten Hilfen zur Erziehung. Während bei Familien ohne Migrationshintergrund lediglich 17% auf Transferleistungen angewiesen sind, ist der Anteil bei den Familien mit Migrationshintergrund und nicht deutscher Familiensprache mit fast 38% mehr als doppelt so hoch.

Ein differenzierter Blick auf die Hilfearten zeigt allerdings nicht nur hilfeartspezifische Unterschiede, sondern auch Differenzen zwischen den Gruppen. Im ambulanten Hilfesetting weist die Sozialpädagogische Familienhilfe die höchsten Anteile von Transferleistungsbezügen bei allen 3 Gruppen auf, im Bereich der Fremdunterbringungen ist es die Vollzeitpflege. 

Mit Blick auf die Unterschiede zwischen den 3 Gruppen differieren die beiden Leistungssegmente. Bei den ambulanten Hilfen sind junge Migrant(inn)en, in deren Familie vorrangig nicht Deutsch gesprochen wird, eher von staatlicher finanzieller Unterstützung betroffen als junge Menschen ohne Migrationshintergrund oder auch diejenigen Migrant(inn)en, in deren Familie hauptsächlich Deutsch gesprochen wird. Dies zeichnet sich insbesondere für die Soziale Gruppenarbeit und die Sozialpädagogische Familienhilfe ab. Bei der Heimerziehung und der Vollzeitpflege zeigt sich ein umgekehrtes Bild: Die Migrantenfamilien, die zu Hause vorrangig nicht Deutsch sprechen, sind zu einem wesentlich geringeren Anteil von Transferleistungen betroffen. Das betrifft vor allem bei der Heimerziehung; hier ist „lediglich“ jede vierte Familie von Transferleistungsbezug betroffen. Hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass sich dieser Anteil in den letzten Jahren erheblich reduziert hat. Zum Vergleich: 2010 lag der Anteil der jungen Menschen mit Migrationshintergrund und Transferleistungsbezug, die zuhause kein Deutsch sprechen, in der Heimerziehung bei 48%. Zuletzt ist der prozentuale Anteil zwischen 2014 und 2015 um 14 Prozentpunkte zurückgegangen. Für die Vollzeitpflege hat sich der Anteil sogar um beinahe 20 Prozentpunkte reduziert. Gleichwohl fällt dieser mehr als doppelt so hoch aus wie der in der Heimerziehung. Grundsätzlich weisen auch diese Ergebnisse auf die gestiegene Bedeutung unbegleiteter ausländischer Minderjährige in den erzieherischen Hilfen hin, zu denen eine eindeutige Auskunft zu der sozioökonomischen Situation in der Herkunftsfamilie unter Umständen nicht möglich ist.

Abb. 3.4: Hilfen zur Erziehung insgesamt sowie ausgewählte Hilfen nach Migrationshintergrund (Herkunft und Sprache) und Transferleistungsbezug (Deutschland; 2015; begonnene Hilfen; Anteil in %)

1 Einschließlich der sonstigen Hilfen
Lesebeispiel: In der Heimerziehung sind 63% der Familien ohne Migrationshintergrund auf Transferleistungen angewiesen. Bei Familien, in denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist und in denen hauptsächlich die deutsche Sprache gesprochen wird, liegt der Anteil derjenigen, die zusätzlich Transferleistungen beziehen, bei 61%. Bei den Migrantenfamilien, die zuhause hauptsächlich nicht Deutsch sprechen, liegt dieser Anteil bei 22%.
Quelle: Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfen; 2015; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Junge Menschen mit Migrationshintergrund stellen eine Herausforderung für das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung dar. Sie sind in den Hilfen zur Erziehung keineswegs unterrepräsentiert sind; vielmehr hat sich ihr Anteil insbesondere durch die Gruppe der UMA in letzter Zeit erheblich erhöht. Dies verweist auf die Herausforderungen und Handlungsbedarfe für ein fachlich angemessenes Arbeiten mit unbegleiteten Minderjährigen für Jugendämter und freie Träger, die zuletzt auch die Sachverständigenkommission des 15. Kinder- und Jugendberichts herausgearbeitet hat.7 Dies gilt zum einen mit Blick auf deren komplexe Problemlagen. Zum anderen stellt sich auch die Frage nach Anschlussmöglichkeiten von Hilfen nach (baldigem) Eintritt der Volljährigkeit vieler UMAs. Schließlich handelt es sich zum Großteil um junge Menschen im Alter von 16 und 17 Jahren.8

Unabhängig von der Adressatengruppe der UMA ist der Frage nach Zugangsmöglichkeiten von Migrantenfamilien in das Hilfesystem nachzugehen. Zudem offenbaren die Befunde, dass der Migrationshintergrund differenziert betrachtet werden muss. Gerade Familien, in denen vorrangig kein Deutsch gesprochen wird, stellen in diesem Zusammenhang eine besondere Herausforderung für das Hilfesystem dar.9 In der Gesamtschau heißt dies, dass Erziehungsberatungsstellen sowie die Sozialen Dienste hier mittel- und langfristig aufgefordert sind, migrationssensible Angebote, welche Unterschiede weder manifestieren noch ausblenden, zu gestalten. Dazu gehören Strategien wie die Akquise von Mitarbeiter(inne)n mit Migrationshintergrund genauso wie die Stärkung der interkulturellen Kompetenzen aller Mitarbeiter/-innen.

Literatur:

Bundesjugendkuratorium: Migration unter der Lupe. Der ambivalente Umgang mit einem gesellschaftlichen Thema der Kinder- und Jugendhilfe, Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums zu Migration, 2013 (www.bundesjugendkuratorium.de/assets/pdf/press/Stellungnahme_Migration_81113.pdf; Zugriff: 27.02.2017).

Deutscher Bundestag (Hrsg.): 15. Kinder- und Jugendbericht, Berlin 2017.

Fendrich, S./Tabel, A.: Aktuelle Entwicklungen in den stationären Erziehungshilfen, in: Jugendhilfe, 2017a, Heft 2, S. 130-136. 

Fendrich, S./Tabel, A.: Erwartbarer Ausbau der Heimerziehung – junge Geflüchtete als wichtige Adressat(inn)en, in: KomDat Jugendhilfe, 2017b, Heft 1, S. 15-18.

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2012, Dortmund 2012 (www.akjstat.tu-dortmund.de; Zugriff: 20.02.2017). 

Gadow, T./Peucker, Ch./Pluto, L./van Santen, E./Seckinger, M.: Wie geht’s der Kinder- und Jugendhilfe? Empirische Befunde und Analysen, Weinheim und Basel 2013. 

Pothmann, J.: Rückgänge bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Ein Blick in die Daten des Bundesverwaltungsamtes, in: KomDat Jugendhilfe, 2017, Heft 1, S. 20-23.

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Monitor Hilfen zur Erziehung 2012, Dortmund 2012.

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Hilfen zur Erziehung – weiterer Anstieg durch Hilfen für junge Geflüchtete. Online-Publikation, Dortmund 2017 (www.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/Analysen/HzE/Kurzanalyse_HzE2016.pdf; Zugriff: 19.12.2017).

  • Vgl. Gadow 2013 u.a., S. 225ff.
  • Vgl. Fendrich/Tabel 2017a
  • Vgl. Fendrich/Tabel 2017b
  • Vgl. Fendrich/Tabel 2017b; Fendrich/Pothmann/Tabel 2017
  • Zum Nachvollziehen der Migrationskonzepte in der Kinder- und Jugendhilfestatistik und dem Mikrozensus sei an dieser Stelle auf die entsprechenden Verweise in der ersten Ausgabe des Monitors Hilfen zur Erziehung hingewiesen (vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2012, S. 18ff.).
  • Zum Zeitpunkt der Aktualisierung der Homepage lagen die Einzeldaten des Jahres 2016 zur Auswertung noch nicht vor, sodass sich die Analyse auf die Daten des Jahres 2015 bezieht.
  • Vgl. Deutscher Bundestag 2017
  • Vgl. Fendrich/Pothmann/Tabel 2017
  • Vgl. Bundesjugendkuratorium 2013, S. 27ff.