2. Inanspruchnahme und Adressat(inn)en der erzieherischen Hilfen

2.1 Mehr Hilfen zur Erziehung im Jahr 2016 – 1.083.177 junge Menschen und ihre Familien erhalten Leistungen

Im November 2017 hat das Statistische Bundesamt die Daten des Jahres 2016 zu den Hilfen zur Erziehung veröffentlicht. Mit einer Gesamtzahl von 1.083.177 jungen Menschen, die in diesem Jahr eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben, wurde ein neuer Höchststand erreicht (vgl. Abb. 2.1).Bereits 2012 wurde erstmals die Millionen-Grenze bei der Zahl der Adressat(inn)en durchbrochen.

Die Zahl der Hilfen zur Erziehung hat in den letzten Jahren relativ langsam, aber kontinuierlich zugenommen. Die Zahl der 2016 in Anspruch genommenen Hilfen zur Erziehung und der von diesen erreichten jungen Menschen ist um rund 31.000 Leistungen gegenüber dem Vorjahr angestiegen (+3%). Lässt man die Erziehungsberatung außen vor, die fast die Hälfte aller erzieherischen Hilfen ausmacht, sind es noch 634.484 junge Menschen, die von einer erzieherischen Hilfe erreicht wurden. Bevölkerungsbezogen wurden im Jahr 2016 – statistisch betrachtet – 672 junge Menschen pro 10.000 der unter 21-Jährigen von Hilfen zur Erziehung erreicht. Damit haben fast 7% dieser Altersgruppe eine Art von erzieherischer Hilfe erhalten. Gegenüber dem Vorjahr ist die bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme etwas angestiegen.

Betrachtet man die Entwicklung der über den ASD organisierten Hilfen zur Erziehung (ohne Erziehungsberatung) in den letzten Jahren, hat die Zahl der jungen Menschen in den Hilfen in seit 2010 um knapp 19% (rund 102.000 Fälle) zugenommen. Der Anstieg zwischen den Jahren ist zwischen 2015 und 2016 mit 5% am höchsten. Zuvor wurden Veränderungen zwischen +1% und +3% beobachtet.

Abb. 2.1: Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Deutschland; 2010 bis 2016; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Mehr familienunterstützende Leistungen, aber Fremdunterbringungen gewinnen weiter an Relevanz

Schaut man sich die Verteilung der Leistungssegmente im Jahr 2016 an, nimmt die Erziehungsberatung gem. § 28 SGB VIII mit 448.693 Hilfen den größten Anteil ein (41%). Die Zahl der Beratungen liegt derzeit, wie in den letzten Jahren, deutlich über dem Wert für die weiteren ambulanten Leistungen sowie der Anzahl an Fremdunterbringungen (vgl. Abb. 2.2). Nach einem Rückgang im Vorjahr ist die Zahl der Erziehungsberatungen gegenüber 2015 gleich geblieben. 

Die über den ASD organisierten ambulante Hilfen (§§ 27,2er-Hilfen, §§ 29-32, 35 SGB VIII) und Fremdunterbringungen sind 2016 mit einem Anteil von insgesamt 59% im Leistungsbereich der Hilfen zur Erziehung vertreten, wobei es mehr ambulante Hilfen (37%) als Fremdunterbringungen (22%) gibt. Das macht sich auch bei der Inanspruchnahme der Leistungen bemerkbar. 2016 nahmen 247 pro 10.000 der unter 21-Jährigen eine ambulante Maßnahme in Anspruch. Bei den Fremdunterbringungen sind es mit 147 jungen Menschen pro 10.000 derselben Altersgruppe deutlich weniger.

Vergleichsweise deutlich sind die Fallzahlen bei Fremdunterbringungen angestiegen. Zuletzt ist zwischen 2015 und 2016 ein Plus von 11% für zusammengenommen die Vollzeitpflege, die Heimerziehung und die stationären 27,2er-Hilfen zu verbuchen (+23.667 junge Menschen in stationären 27,2er-Hilfen und Hilfen gem. §§ 33-34 SGB VIII). In der Summe entspricht das dem höchsten Anstieg der familienersetzenden Hilfen seit 2010. 

Der aktuelle Zuwachs bei den Fremdunterbringungen geht insbesondere auf die Entwicklungen bei stationären Unterbringungen in Einrichtungen der Heimerziehung gem. § 34 SGB VIII zurück. Bereits in den vergangenen Jahren ist diese Hilfeart deutlich angestiegen. Während bei der Vollzeitpflege nur rund 4% mehr Fälle gegenüber dem Vorjahr registriert wurden, sind es bei der Heimerziehung 16% (ohne Abb.). Ein wesentlicher Grund dürfte in der seit einigen Jahren steigenden Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge liegen.2 Detailanalysen zum Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund der Adressat(inn)en der Heimerziehung untermauen diese Schlussfolgerung.3

Abb. 2.2: Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Leistungssegmenten (Deutschland; 2010 bis 2016; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Die bundesweite Entwicklung der erzieherischen Hilfen seit Beginn der 2000er-Jahre ist durch einen kontinuierlichen Zuwachs im ambulanten Leistungsfeld gekennzeichnet. Zumindest bis 2010 war ein Fortschreiten dieses Trends auszumachen. Seitdem ist der Zuwachs bei den ambulanten Hilfen nicht mehr so stark ausgeprägt. In letzter Zeit haben vor allem Fremdunterbringungen zugenommen (vgl. Abb. 2.3):

  • Die Zahl der Hilfen zur Erziehung hat sich zwischen 2000 und 2016 um rund 50% bzw. 50 Indexpunkte erhöht. Der Anstieg ist in dieser Dekade vor allem zwischen 2005 und 2010 mit einem Plus von 24 Indexpunkten auszumachen.
  • Mit Blick auf die einzelnen Leistungssegmente wird zwischen 2000 und 2010 vor allem der Zuwachs an ambulanten Hilfen deutlich, die sich mehr als verdoppelt haben. Das bedeutet eine Zunahme um 105 Indexpunkte. Vor allem zwischen 2005 und 2010 ist ein besonders deutlicher Anstieg auszumachen (75 Indexpunkte).
  • Fremdunterbringungen sind bis 2005 relativ konstant geblieben bzw. sogar leicht zurückgegangen. Zwischen 2000 und 2010 hat sich der Indexwert mit Basis 2000 um 10 Punkte auf 110 erhöht. In den letzten Jahren ist ein Anstieg der Fremdunterbringungen erkennbar. Zwischen 2010 und 2016 ist in diesem Leistungsbereich macht dieser 41 Indexpunkte aus. Trotz der Steuerungsstrategien der Jugendämter Anfang der 2000er-Jahre ist die Fremdunterbringung im Kontext der erzieherischen Hilfen in den letzten Jahren wieder angestiegen, wenngleich die jüngsten Zunahmen auf die gestiegene Zahl an unbegleiteten ausländischen Minderjährigen zurückzuführen sind. Die Unterbringung sowie die Betreuung und Förderung dieser jungen Menschen kann aufgrund ihrer Lebenssituation nur in stationären Settings der Kinder- und Jugendhilfe organisiert werden.
  • Der mit Abstand größte Leistungsbereich im Rahmen der erzieherischen Hilfen, die Erziehungsberatung, weist mit Blick auf den betrachteten Erhebungszeitraum zwischen 2000 und 2016 ein Plus von 10 Indexpunkten aus. Dieser Anstieg hat sich zwischen 2000 und 2005 vollzogen, während seitdem zunächst eine Stagnation bzw. im weiteren Verlauf ein Rückgang auszumachen ist.

Abb. 2.3: Veränderung der Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen gem. §§ 28-35 SGB VIII (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Leistungssegmenten (Deutschland; 2000 bis 2016; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Indexentwicklung 2000 = 100)1, 2

1) Die Werte basieren auf der Anzahl der jungen Menschen, die durch eine Leistung der Hilfen zur Erziehung erreicht werden, und nicht auf der Anzahl der Hilfen. Dies betrifft die Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII). In der amtlichen Statistik werden für die Hilfen gem. § 31 SGB VIII sowohl die Anzahl der Hilfen als auch die durch die SPFH erreichten jungen Menschen erfasst. Berücksichtigt werden hier die unter 18-Jährigen, weil vor der Modifizierung der Statistik im Jahr 2007 lediglich die unter 18-Jährigen bei dieser Hilfeart erfasst worden sind.
2) Bei der Erziehungsberatung werden lediglich die beendeten Hilfen berücksichtigt. Erst seit 2007 werden bei den Hilfen gem. § 28 SGB VIII auch die zum 31.12. eines Jahres andauernden Hilfen erfasst. Im Sinne der Vergleichbarkeit werden für 2010 und 2016 ebenfalls nur die beendeten Hilfen aufgeführt. Aus demselben Grund werden die Hilfen gem. § 27 SGB VIII (ohne Verbindung zu Hilfen gem. §§ 28-35 SGB VIII), die sogenannten „27,2er-Hilfen“, für das Jahr 2010 und 2016 nicht mitberücksichtigt; auch diese werden erst seit 2007 erfasst. Die Zahl der jungen Menschen mit einer „27,2er-Hilfe“ beträgt im Jahr 2016 72.470.
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige; versch. Jahrgänge; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

2.1.1 Die Verteilung der Hilfearten im Angebotsspektrum der Hilfen zur Erziehung

Das Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung zeichnet sich durch ein breites Spektrum an beratenden, erziehenden und betreuenden Angeboten aus. Die Ausdifferenzierung der verschiedenen Angebote war Teil der damaligen zentralen Neuerungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes vor mehr als 25 Jahren. In der Folge sind die Hilfezahlen seit Anfang der 1990er-Jahre gestiegen und die rechtlich kodifizierten Leistungen haben sich in den lokalen Hilfesystemen etabliert. Die aktuelle Verteilung der Hilfearten verdeutlicht das heterogene Leistungsspektrum der Hilfen zur Erziehung, welches sich in den letzten Jahren  nicht wesentlich verändert hat (vgl. Abb. 2.4):

  • Die aktuelle prozentuale Verteilung der Hilfearten verweist noch einmal auf die quantitative Bedeutung der Erziehungsberatung, die mit einem Anteil von 41% den Großteil aller erzieherischen Hilfen ausmacht.
  • Mit Blick auf die ambulanten Hilfen zeigt sich das erhebliche Gewicht der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH). Aktuell werden rund 21% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung von dieser familienorientierten Leistung erreicht. Mit deutlichem Abstand folgen mit rund 6% die ambulanten „27,2er-Hilfen“ sowie Erziehungsbeistandschaften, die rund 5% aller erzieherischen Hilfen ausmachen. Demgegenüber nehmen Soziale Gruppenarbeit, Betreuungshilfen, Erziehung in einer Tagesgruppe sowie Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung (ISE) mit anteiligen Werten, die zwischen 1% und 2% liegen, eine vergleichsweise geringe Größe im ambulanten Leistungssegment ein.
  • Etwa 22% der jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung lebten 2016 im Rahmen einer Fremdunterbringung in einer Pflegefamilie oder einem stationären Setting, davon etwa 13% in der Heimerziehung und 8% in der Vollzeitpflege. Der Anteil der Heimerziehung ist in den letzten Jahren etwas gestiegen. Einen geringen Anteil von unter 1% nehmen stationäre „27,2er-Hilfen“ ein.

Abb. 2.4: Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) nach Hilfearten (Deutschland; 2016; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben in %)

* Einschließlich der sonstigen Hilfen
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

2.1.2 Die Inanspruchnahme nach Bundesländern

Mittels der Datengrundlage der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik lassen sich auch Differenzen auf der Ebene der west- und ostdeutschen Landesteile sowie der Bundesländer abbilden. Dabei ist Folgendes für die Leistungssegmente zu konstatieren (vgl. Abb. 2.5):

  • Erziehungsberatungen: Die bundesweite Verteilung der Leistungssegmente, bei denen Erziehungsberatungen einen großen Anteil an den Hilfen zur Erziehung ausmachen (vgl. Abb. 2.2; Abb. 2.5), gilt tendenziell auch für West- und Ostdeutschland. Mit Blick auf die Bundesländer zeigt sich allerdings eine enorme Spannweite der Inanspruchnahme von Beratungsleistungen. In den westdeutschen Flächenländern reicht diese von 168 pro 10.000 der unter 21-Jährigen im Saarland bis hin zu 389 pro 10.000 in Schleswig-Holstein. Unter den Stadtstaaten weist Berlin den höchsten Wert auf. Auch in den ostdeutschen Bundesländern kann eine erheblich unterschiedliche Inanspruchnahme der Erziehungsberatung identifiziert werden, die von 153 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Mecklenburg-Vorpommern bis hin zu 384 in Sachsen-Anhalt reicht.
  • Ambulante Hilfen: In allen Bundesländern werden mehr ambulante Leistungen als Fremdunterbringungen in Anspruch genommen. In den westdeutschen Flächenländern reicht die Spannweite der ambulanten Leistungen von 156 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Bayern bis hin zu 308 im Saarland. Auch zeigen sich Differenzen im Verhältnis von Fremdunterbringungen und ambulanten Hilfen, das einerseits in Hessen und im Saarland bei 1 zu 1,4 und andererseits in Baden-Württemberg bei 1 zu 2,1 liegt. Unter den Stadtstaaten weist Hamburg mit 437 pro 10.000 der jungen Menschen unter 21 Jahren den höchsten Wert mit Blick auf die Inanspruchnahme von ambulanten Hilfen auf. In Ostdeutschland reicht die Spannweite der Hilfegewährung ambulanter Hilfen bevölkerungsbezogen von 186 pro 10.000 der unter 21-Jährigen in Thüringen bis hin zu 441 in Mecklenburg-Vorpommern.
  • Fremdunterbringungen: Eine vergleichsweise eher geringe Inanspruchnahme von Fremdunterbringungen ist in den westdeutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg festzustellen. Demgegenüber ist im Saarland, aber auch im Stadtstaat Bremen eine höhere Inanspruchnahme der kostenintensiven Fremdunterbringung zu ermitteln, was auf eine höhere Problembelastung der Regionen verweist. Darüber hinaus sind hier tendenziell auch beträchtlichere Werte an ambulanten Leistungen zu identifizieren und damit ein insgesamt höheres Volumen an erzieherischen Hilfen.
    •  

Abb. 2.5: Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung (einschl. der Hilfen für junge Volljährige) (Länder; 2016; Aufsummierung der zum 31.12. eines Jahres andauernden und der innerhalb eines Jahres beendeten Leistungen; Angaben absolut, Inanspruchnahme pro 10.000 der unter 21-Jährigen)

Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

In den letzten Jahren konnte in den Hilfen zur Erziehung eine quantitative Trendwende von der Expansionsphase der Fallzahlen in eine Phase der Konsolidierung abgelesen werden. Die jüngsten Ergebnisse deuten nicht darauf hin, dass diese weiterhin Bestand hat bzw. haben wird. Vielmehr zeichnet sich die Inanspruchnahmeentwicklung in den letzten Jahren durch steigende Fallzahlen insbesondere in der Heimerziehung aus – ein Effekt, der vor allem auf die gestiegenen Zahlen bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zurückzuführen ist.4 Diese Entwicklungen im fiskalisch zweitgrößten Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe sind für sich genommen schon von großer Bedeutung für die gesamte Kinder- und Jugendhilfe. Zusätzliche Relevanz bekommt der Blick auf die aktuellen Fallzahlen aber noch durch die 2011 angestoßene Debatte um die Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung vor dem Hintergrund des Fallzahlen- und Kostenanstiegs in dem Arbeitsfeld5 sowie die Diskussion um eine SGB VIII-Reform.6 In diesem Zusammenhang setzte die von einigen Akteuren vorgetragene Forderung, individuelle Rechtsansprüche zugunsten einer Gewährleistungsverpflichtung des öffentlichen Trägers einzudämmen, die Jugendhilfelandschaft in erhebliche Bewegung.7 Die Diskussionen um eine Weiterentwicklung und die Steuerung erzieherischer Hilfen werden auch aktuell diskutiert und bleiben nicht folgenlos für das Handeln der Allgemeinen Sozialen Dienste und der Erziehungsberatungsstellen. 

Ein differenzierter und regelmäßiger Blick auf die Datengrundlage zur Beobachtung der aktuellen Entwicklungen ist von zentraler Bedeutung. Dies gilt umso mehr, als dass derzeit nicht davon ausgegangen werden kann, dass sich in den nächsten Jahren die Bedeutung von Hilfen zur Erziehung als Unterstützungsleistungen für junge Menschen und deren Familien wesentlich verringern wird. Im Gegenteil: Vielmehr sind schon nach Einschätzungen der Sachverständigenkommission zum 14. Kinder- und Jugendbericht an den Entwicklungen im Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung eindrücklich die „Verschiebungen zwischen privater und öffentlicher Verantwortung im Aufwachsen von jungen Menschen in Deutschland“8 zu beobachten. Der Auftrag der Hilfen zur Erziehung ist in diesem Zusammenhang umfassend, wie zuletzt die Sachverständigenkommission zum 15. Kinder- und Jugendbericht noch einmal in Erinnerung ruft: „Hilfen zur Erziehung (…) sollen für junge Menschen sozialpädagogische Umgebungen gestalten, die keine ausreichende soziale, emotionale und materielle Unterstützung erfahren, die in ihren persönlichen Rechten verletzt, Machtmissbrauch oder Gewalt erfahren haben, diskriminiert oder ausgegrenzt worden sind.“9

Literatur:

[AGJ] Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe: Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung. Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, Berlin 2015.

Deutscher Bundestag (Hrsg.): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin 2013.

Deutscher Bundestag (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinderund Jugendhilfe in Deutschland – 15. Kinder- und Jugendbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung und Stellungnahme der Bundesregierung, Berlin 2017.

Fendrich, S./Tabel, A.: Aktuelle Entwicklungen in den stationären Erziehungshilfen. Eine Analyse auf der Grundlage der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik, in: Jugendhilfe, 2017, Heft 2, S. 130-136.

Fendrich, S./Pothmann, J./Tabel, A.: Hilfen zur Erziehung 2016 – weiterer Anstieg durch Hilfen für junge Geflüchtete. Online-Publikation, Dortmund 2017 (www.akjstat.tu-dortmund.de/fileadmin/Analysen/HzE/Kurzanalyse_HzE2016.pdf; Zugriff: 19.12.2017).

Jugend- und Familienministerkonferenz: Beschluss zur Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung, in: Forum Jugendhilfe, 2012, Heft 2, S. 21-25.

Kopp, K./Pothmann, J.: Unbegleitete ausländische Minderjährige im Spiegel von Asyl- und Jugendhilfestatistik, in: KomDat Jugendilfe, 2016, Heft 3, S. 13-17.

Otto, H.-U./Ziegler, H.: Impulse in eine falsche Richtung. Ein Essay zur „Neuen Steuerung“ in der Kinder- und Jugendhilfe, in: Forum Jugendhilfe, 2012, Heft 1, S. 17-25. 

Wiesner, R.: Reform oder Rolle rückwärts? Zu den Ankündigungen des BMFSFJ hinsichtlich der Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendhilferechts. Vortrag im Rahmen der Veranstaltung „Vom Kind aus denken?! Inklusives SGB VIII“ am 14.06.2016 in Frankfurt a.M.

  • Wenn hier und im Folgenden von den Hilfen zur Erziehung, den einzelnen Leistungssegmenten und den Hilfearten insgesamt die Rede ist, werden die Hilfen für junge Volljährige immer mitberücksichtigt. Die aktuellsten Daten zu den Hilfen zur Erziehung in der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik beziehen sich auf das Jahr 2016.
  • Vgl. Kopp/Pothmann 2016
  • Vgl. Fendrich/Tabel 2017; Fendrich/Pothmann/Tabel 2017
  • Vgl. Kopp/Pothmann 2016; Fendrich/Pothmann/Tabel 2017
  • Vgl. Jugend- und Familienministerkonferenz 2012; AGJ 2015
  • Vgl. u.a. Wiesner 2016
  • Vgl. Otto/Ziegler 2012
  • Deutscher Bundestag 2013, S. 336
  • Deutscher Bundestag 2017, S. 434