1. Ergebnisse im Überblick

Erneuter Zuwachs an jungen Menschen in den Hilfen zur Erziehung

Im November 2017 hat das Statistische Bundesamt die Daten des Jahres 2016 zu den Hilfen zur Erziehung veröffentlicht. Mit einer Zahl von 1.083.177 jungen Menschen, die 2016 eine Hilfe zur Erziehung in Anspruch genommen haben, sind rund 31.000 Leistungen mehr als im Vorjahr gezählt worden (+3%). Damit wurde ein neuer Höchststand erreicht. (vgl. 2.1). Die Zahl der Hilfen zur Erziehung hat in den letzten Jahren langsam, aber weiter zugenommen.

Hinter dem Anstieg der Hilfen zur Erziehung insgesamt stehen unterschiedliche Entwicklungen in den Leistungssegmenten: Erziehungsberatungen, die rund 40% aller Hilfen zur Erziehung ausmachen, sind gegenüber 2015 gleich geblieben. Die über den Allgemeinen Sozialen Dienst organisierten Hilfen haben um 29.500 Fälle (+5%) zugenommen – mit Unterschieden in den Leistungssegmenten: Im Jahr 2016 wurden 11% mehr Fremdunterbringungen gezählt, insbesondere bei stationären Unterbringungen in Einrichtungen der Heimerziehung gem. § 34 SGB VIII (+16%). Bereits in den vergangenen Jahren ist diese Hilfeart angestiegen. Demgegenüber hat sich die Inanspruchnahme ambulanter erzieherischer Hilfen wenig verändert (+1%). Hier kann hilfeartspezifisch vor allem ein Plus bei Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuungen (+20%) und Erziehungsbeistandschaften (+6%) ausgemacht werden.   

10,0 Mrd. EUR Aufwendungen für Hilfen zur Erziehung

Parallel zum Anstieg der erzieherischen Hilfen ist eine weitere Zunahme der finanziellen Aufwendungen zu verzeichnen. Laut Angaben der KJH-Statistik werden für Hilfen zur Erziehung inklusive der Hilfen für junge Volljährige Jahr für Jahr mehr finanzielle Ressourcen seitens der kommunalen Jugendämter ausgegeben. Für 2016 beläuft sich das Ausgabenvolumen auf 10,0 Mrd. EUR – 2006 waren es noch rund 5,3 Mrd. EUR (vgl. 5). Die zu beobachtende Zunahme der finanziellen Aufwendungen folgt damit einerseits einem größer werdenden Bedarf und einer steigenden Nachfrage sowie infolge dessen einer höheren Inanspruchnahme und Reichweite von Hilfen zur Erziehung.

Mit Blick auf die einzelnen Leistungssegmente sind die Ausgaben für die Erziehungsberatung seit 2006 – absolut betrachtet – nur marginal gestiegen. Bis 2016 ist eine Zunahme von 0,33 Mrd. EUR auf 0,37 Mrd. EUR zu konstatieren. Die Aufwendungen für ambulante Leistungen sind hingegen deutlicher gestiegen. Im Zeitraum 2006 bis 2016 ist hier eine Zunahme der finanziellen Aufwendungen von 1,2 Mrd. EUR auf 2,3 Mrd. EUR zu beobachten (+88%). Für den Bereich der Fremdunterbringung haben sich die Ausgaben zwischen 2006 und 2016 um 94% oder auch 3,6 Mrd. EUR auf zuletzt nicht ganz 7,4 Mrd. EUR erhöht.  

Innerhalb der Hilfen zur Erziehung werden der Heimerziehung (einschließlich der Hilfen für junge Volljährige) die höchsten Ausgaben zugerechnet. Mehr als jeder 2 Euro wird für stationäre Unterbringungen nach § 34 SGB VIII ausgegeben (58%), gefolgt von der Vollzeitpflege (13%) sowie der SPFH (10%) und der Tagesgruppenerziehung (5%).

Hilfen zur Erziehung auf einen Blick

Gesamtvolumen der Fallzahlen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2016):
Fallzahlen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen): 956.268
Anzahl junger Menschen (Bestand am 31.12. + beendete Hilfen): 1.083.177
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Fallzahlen): 593,3 pro 10.000 unter 21-Jährige
Bevölkerungsbezogene Inanspruchnahme (Anzahl der jungen Menschen): 672,0 pro 10.000 unter 21-Jährige
Ausgaben für Einrichtungen und Leistungen (Hilfen zur Erziehung + Hilfen für junge Volljährige, 2016):
Ausgaben in 1.000 Euro: 10.000.654
Ausgaben pro unter 21-Jährigen: 620 EUR
Eckwerte (2016):
Durchschnittsalter der jungen Menschen bei Hilfebeginn: 10,5 Jahre
Anteil der Alleinerziehendenfamilien bei Hilfebeginn: 38,7%
Anteil der Transferleistungen beziehenden Familien bei Hilfebeginn: 31,0%
Anteil der jungen Menschen in Familien, in denen zu Hause nicht Deutsch gesprochen wird, bei Hilfebeginn: 19,4%
Durchschnittliche Dauer der beendeten Hilfen: 10 Monate
Anteil der beendeten Hilfen gemäß Hilfeplan (ohne Zuständigkeitswechsel der Jugendämter): 69,2%
Personalsituation (2016):
Tätige Personen: 102.537
V ollzeitäquivalente1: 75.543
Anteil der unter 45-jährigen Beschäftigten: 62,3%
Professionalisierungsquote2: 37,7%
Anteil der Vollzeit tätigen Personen: 50,4%

1) Rechnerische Vollzeitstellen
2) Anteil der Akademiker/-innen mit einem (sozial-)pädagogischen (Fach-)Hochschulabschluss 
Quelle: Statistisches Bundesamt: Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfe, Eingliederungshilfe, Hilfe für junge Volljährige 2016; Ausgaben und Einnahmen 2016, Einrichtungen und tätige Personen 2016; Datenzusammenstellung und Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Hilfen zur Erziehung als ambulante Leistungen – auch eine Frage von Alter und Geschlecht

Seit Anfang der 2000er-Jahre werden pro Jahr mehr ambulante Leistungen in Anspruch genommen als junge Menschen in Pflegefamilien oder Heimen leben. Dies gilt nicht nur einschließlich der Erziehungsberatungsfälle, sondern auch dann, wenn man nur die über die Allgemeinen Sozialen Dienste organisierten Hilfen betrachtet (vgl. 2.1). Je nach Leistungssegment bestehen jedoch große Unterschiede bei der Altersverteilung. Die Inanspruchnahme einer Beratung, einer ambulanten Hilfe oder einer Fremdunterbringung korrespondiert mit dem Alter der Adressat(inn)en. So werden ambulante Leistungen häufiger von Jüngeren und ihren Familien in Anspruch genommen (vgl. 2.2). Demgegenüber sind in den Hilfen, die im Kontext von Fremdunterbringungen angeboten werden, erheblich mehr Jugendliche als Kinder zu finden. Dieses ‚Inanspruchnahmemuster‘ ist für die letzten Jahre konstant.

Nahezu unverändert zeigt sich auch die Geschlechterverteilung in den Hilfen zur Erziehung. Hier ist festzustellen, dass der Anteil der Jungen und jungen Männer in den Hilfen zur Erziehung insgesamt bei 57% liegt. In allen Leistungssegmenten bzw. Hilfearten sind Jungen und junge Männer insgesamt etwas überrepräsentiert (vgl. 2.2). Auch altersspezifisch gesehen ist die männliche Klientel in allen Jahrgängen stärker vertreten. Eine Ausnahme bildet die Erziehungsberatung: In den älteren Jahrgängen werden mehr Beratungen von Mädchen und ihren Familien nachgefragt.

Hilfen zur Erziehung als Reaktion auf bestimmte Lebenslagen von jungen Menschen und ihren Familien

Hilfen zur Erziehung sind notwendige Unterstützungsleistungen für Familien in belastenden Lebenskonstellationen. Der Ausfall eines oder beider Elternteile, die Trennung und Scheidung, aber auch die Folgen von fehlenden materiellen Ressourcen sowie damit verbundene Ausgrenzungsprozesse stellen Lebenslagen mit einem erhöhten Bedarf an Unterstützungsleistungen dar, weil Betreuung, Erziehung und Förderung in der Familie in zunehmendem Maße nicht gelingt oder zumindest ein erhöhtes Risiko des Scheiterns erkannt bzw. wahrgenommen wird.

Vor diesem Hintergrund sind Alleinerziehende überproportional in den Hilfen zur Erziehung vertreten (vgl. 3.1) – in der Regel solche, die dazu noch besonders auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen sind. Es deutet einiges darauf hin, dass dies nicht folgenlos für die Gewährungspraxis der Jugendämter ist. Das heißt beispielsweise: In den Ländern, in denen der Anteil junger Menschen und deren Familien in belastenden Lebenslagen besonders hoch ist, liegt die Gewährungsquote von erzieherischen Hilfen über dem Bundesergebnis. Familien, in denen vorrangig kein Deutsch gesprochen wird, stellen ebenfalls eine besondere Herausforderung für das Hilfesystem dar (vgl. 3.3). In letzter Zeit hat das Thema Migration zudem durch unbegleitete ausländische Minderjährige (UMA), die als Adressat(inn)en der Hilfen zu Erziehung im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen verstärkt in den Fokus getreten sind, die Fachdiskussion mitbestimmt. Damit gehen auch veränderte Bedarfslagen für Angebote der Hilfen zur Erziehung einher, insbesondere für die Heimerziehung, aber auch mittlerweile für ausgewählte ambulante Hilfen. Hinweise dazu geben die aktuellen Daten des Jahres 2016. Diese Ergebnisse verdeutlichen einerseits, dass Leistungen der Hilfen zur Erziehung auf sozioökonomische Verhältnisse und andere Lebenslagen mit besonderen Herausforderungen für das Aufwachsen junger Menschen und eine gelingende Erziehung in der Familie reagieren. Andererseits deuten die Befunde aber auch darauf hin, dass die Wahrnehmung dieser Konstellationen sowie damit verbundene Definitionsprozesse und Handlungsmuster von Fachkräften und Teams der Sozialen Dienste gleichermaßen einen Einfluss auf die Gewährungspraxis erzieherischer Hilfen haben können. Dies verweist auf die Notwendigkeit einer regelmäßigen kritischen (Selbst-)Reflexion professionellen Handelns der Fachkräfte in den Sozialen Diensten.

Keine einfachen und monokausalen Erklärungen für regionale Unterschiede

Regionale Unterschiede bei den Hilfen zur Erziehung sind zwar notwendig und erwünscht, um bedarfsgerechte lokale Hilfesysteme zu organisieren, gleichwohl jedoch auch erklärungsbedürftig, insbesondere angesichts der Ausmaße der örtlichen Diversifizierungen (vgl. 4). Die Heterogenität der Gewährungspraxis stationärer Hilfen zur Erziehung ist im Vergleich zu anderen Hilfearten etwas geringer ausgeprägt und erscheint mit Blick auf ebenfalls regional unterschiedlich verteilte Risiken des Aufwachsens – wie z.B. Armutsrisiken – überwiegend durch Faktoren außerhalb der Kinder- und Jugendhilfepraxis begründet zu sein. Weiterhin gilt der Grundsatz, dass die aufgezeigten Unterschiede nicht zu vereinfacht interpretiert werden dürfen, sondern dass sie einen Anlass bieten, die lokalen Bedingungen vor Ort mit Kenntnis ihrer Komplexität zu reflektieren.

Personalzuwächse in der Heimerziehung

Die personellen Ressourcen sind im Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung im Jahr 2016 weiter angestiegen, und zwar um 18% gegenüber 2014. Der Anstieg zeigt sich vor allem in der Heimerziehung mit einem Plus von 23%. Bereits zwischen 2010 und 2014 konnte der Personalzuwachs auf diesen Arbeitsbereich zurückgeführt werden. Ambulante Hilfen haben einen Anstieg der Beschäftigten um rund 9% zu verzeichnen und sind nicht mehr weiter von einem Personalrückgang betroffen, der zwischen 2010 und 2014 beobachtet werden konnte.

Weiterhin ist eine Verschiebung im Altersaufbau zugunsten jüngerer Mitarbeiter/-innen zu beobachten, die sich bereits 2010 angedeutet hat. Diese Entwicklung stellt die Sozialen Dienste und Träger von Angeboten der Hilfen zur Erziehung vor aktuelle und zukünftige Herausforderungen, kann mitunter auch Potenziale bergen. Fragen nach einem adäquaten Wissenstransfer stehen hier genauso im Vordergrund wie die nach der Gestaltung von Teamstrukturen und fachlichen Standards.